Gleiche Tour oder gleiche Zeit?
„Unsere Touren sind immer gleich.“ Diesen Satz hören wir in fast jeder Disposition. Gemeint ist damit selten die Tour selbst. Gemeint ist die Kundschaft: Sie verlässt sich darauf, dass die Lieferung jeden Tag zur gewohnten Zeit kommt.
Ob Mittagessen für ältere Menschen, Medikamente für die Apotheke, Backwaren für die Filiale oder Ersatzteile für die Werkstatt: Wer täglich beliefert wird, richtet den Tag danach aus. Die Lieferzeit wird zur Gewohnheit.
Die naheliegende Antwort darauf war lange eine feste Tour. Gleiches Fahrzeug, gleiche Reihenfolge, jeden Tag. Solange sich nichts ändert, funktioniert das. Es ändert sich aber jeden Tag etwas: Eine Bestellung fällt weg, eine neue kommt hinzu, eine Straße ist gesperrt.
Dann zeigt sich, was eine feste Tour tatsächlich festhält. Zunächst nur die Reihenfolge. Die Uhrzeit folgt ihr. Fällt ein Stopp weg, kommen alle folgenden früher. Kommt einer hinzu, kommen alle folgenden später.
Vereinfacht gesagt: Die feste Tour bewahrt die Reihenfolge. Die Gewohnheit bewahrt sie nur, solange nichts passiert.
In der dynamischen Tourenplanung trennen wir deshalb beides. Die Tour darf sich täglich neu zusammensetzen. Die gewohnte Lieferzeit jedes einzelnen Stopps bleibt bestehen.
Stabile Lieferzeiten entstehen also durch bewegliche Touren.
Das Wissen steckt im Prozess
Woher weiß man, wann eine Lieferung erwartet wird? Aufgeschrieben ist das selten. Das Wissen steckt im Prozess selbst. Es ist über Jahre eingebacken: in der Reihenfolge der Tourliste, in der Erfahrung der Stammfahrenden, in telefonischen Absprachen, auf einem Zettel im Fahrerhaus.
Es ist wie mit einer Tütensuppe. Aufkochen kann jede und jeder. Wie die Suppe in die Tüte gekommen ist, weiß nach Jahren niemand mehr. Wie Suppe grundsätzlich gekocht wird, auch nicht. Und ob die Tütensuppe überhaupt noch nach Suppe schmeckt, hat man ebenfalls vergessen.
Für die Tourenplanung heißt das: Die Touren lassen sich abfahren. Warum sie so geschnitten sind, welche Zeiten der Kundschaft wirklich wichtig sind und ob die alte Reihenfolge ihr heute noch dient, ist nicht mehr bekannt.
- Zutaten
- gewachsene Tourreihenfolge, Erfahrung der Stammfahrenden, mündliche Absprachen, Zettel im Fahrerhaus, Ausnahmen aus früheren Jahren, Spuren von „Haben wir immer so gemacht“
- Zubereitung
- aufkochen, losfahren
- Herkunft
- unbekannt
- Haltbar bis
- die ersten Stammfahrenden in Rente gehen
Wer von festen Touren auf eine dynamische Planung umstellt, muss dieses Wissen deshalb zuerst wieder sichtbar machen. Sonst plant das neue System sauber, aber an den Gewohnheiten vorbei.
Den Prozess zurückrechnen
Erfragen lässt sich dieses Wissen nur begrenzt. Wir lesen es deshalb aus dem Prozess selbst ab: NUNAV rechnet den Ablauf zurück, aus dem die Gewohnheiten entstanden sind.
- Erfassen: Jede Lieferung hinterlässt eine Spur. Erfasst wird, wann ein Stopp tatsächlich bedient wurde. Tag für Tag.
- Lernen: Aus diesen Spuren ergibt sich für jeden Stopp eine gewohnte Lieferzeit. Ein einzelner Tag mit Stau oder Umleitung verändert sie noch nicht.
- Nachbilden: Die Tourenplanung hält diese Zeit innerhalb eines festgelegten Spielraums ein. Reihenfolge, Fahrzeug und Tourzuschnitt dürfen sich dafür ändern.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung. Gemessen werden Lieferzeitpunkte. Die gewohnte Lieferzeit ist daraus abgeleitet. Und wie stark sie in der Planung zählt, ist eine Entscheidung.
Wo es schwierig wird
Gelernte Lieferzeiten machen sichtbar, was vorher im Prozess verborgen war. Das ist beabsichtigt. Es bringt aber Fragen mit sich, die vorher niemand stellen musste.
Wie stabil ist die Gewohnheit wirklich?
„Dort wird immer um zehn geliefert.“ Die Messung zeigt häufig etwas anderes: mal halb zehn, mal kurz vor elf. Das ist kein Messfehler. So hat die feste Tour tatsächlich funktioniert. Sie hielt die Reihenfolge, und die Uhrzeit schwankte mit dem Tag. Bevor eine Gewohnheit gehalten werden kann, muss deshalb geklärt sein, welche gemeint ist.
Warten als Teil des Plans
Läuft eine Tour schneller als üblich, ist das Fahrzeug zu früh beim nächsten Stopp. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: früher liefern oder warten. Früher liefern bricht die Gewohnheit. Warten kostet Arbeitszeit. Entscheidend ist, wo gewartet wird: kurz vor dem Stopp, schon im Depot durch einen späteren Start, oder gar nicht, weil eine frühere Lieferung willkommen ist. Wartestrategien werden damit zu einer Frage der Planung.
Pausen im Zeitablauf
Stehen die Lieferzeiten fest, wird auch die Pause Teil des Zeitplans. Eine Pause an der falschen Stelle verschiebt alle folgenden Lieferungen. Lenk- und Ruhezeiten gelten trotzdem. Die Planung muss beides zusammenbringen: die Pause dort, wo sie keine Gewohnheit kostet, und Wartezeit dort, wo sie ohnehin entsteht.
Jede gehaltene Gewohnheit kostet etwas
Wer jede Gewohnheit auf die Minute hält, fährt mehr Kilometer und braucht mehr Arbeitszeit. Wie viel Pünktlichkeit gegenüber Strecke und Arbeitszeit zählen soll, ist keine technische Frage. Es ist eine Entscheidung. Durchrechnen lässt sie sich aber vorher.
Gewohnheiten ändern sich
Ändert sich ein Liefergebiet oder zieht jemand um, passt die alte Gewohnheit nicht mehr. Dann muss sie bewusst neu gelernt werden. Sonst hält die Planung an einer Zeit fest, die niemandem mehr dient.
Die entscheidende Frage
Für gelernte Lieferzeiten ist deshalb weniger entscheidend, ob eine Tour jeden Tag gleich aussieht. Die wichtigere Frage lautet: Kommt die Lieferung dann, wann sie erwartet wird?
Wie wir unterstützen
Gelernte Lieferzeiten lassen sich nicht einfach einschalten. Wir begleiten die Einführung in drei Schritten:
- Bestandsaufnahme: Wie stabil sind die Lieferzeiten heute tatsächlich? Wir werten die gefahrenen Touren aus.
- Einstellung: Gemeinsam legen wir fest, für welche Stopps die Gewohnheit zählt und wie viel Spielraum sie bekommt.
- Betrieb: Wartezeiten, Pausen und Ausreißer bleiben im Blick. Ändern sich Gewohnheiten, steuern wir nach.



